"Wir wollen nicht Everybody´s Darling sein"

Interview mit der Gruppe Gutzeit

Eimsbütteler Nachrichten / Katharina Kuhn
• 29. Januar 2015


Sie singen Spott-, Hetz- und Lästersongs und nehmen dabei kein Blatt vor den Mund: Die Eimsbütteler Band „Gutzeit“ greift in ihren Liedern Texte aus dem realen Leben auf. Wir trafen Songschreiber Peter Gutzeit, Akkordeonspieler Dieter Rentzsch und Gitarrenspieler Peter Horn in einem Café und sprachen auch über ihr neues Werk, das sich doch ein wenig von ihren anderen Songs unterscheidet.


Eimsbütteler Nachrichten: Eure Lieder sind alle mit politischen Themen und mit Themen aus dem Alltag verbunden. Ein Song handelt von Hartz IV. Wie seid ihr auf die Idee gekommen, diese Musik zu machen?


Peter Gutzeit: Ich bin immer schon ein politisch engagierter Mensch gewesen. Nicht unbedingt eine bestimmte Richtung, aber doch eher linksstehend. Das war schon immer mein Gebiet und ich habe mich als Mensch empfunden, der immer eine bestimmte Ziellinie hatte: Mehr die sozial Bedürftigen stärken und mehr von den Reichen nehmen. Fast die Hälfte des gesamten Weltvermögens besitzen 80 Milliardäre – das ist unfassbar. Ja und da brodelt es in mir, da muss ich einfach etwas zu schreiben. Und da ich damals mit meiner Zeitung Konkurs gegangen bin und eine Menge Schulden am Hals hatte, war ich auch irgendwie von Hartz IV betroffen. Und nur weil ich verheiratet war und damit in einer sogenannten Bedarfsgemeinschaft lebte, hätte ich noch nicht mal Hartz IV bekommen. Das hat mich erzürnt und so entstand mein erstes politisches Lied Hartz IV muss weg. Außerdem habe ich eins gelernt: Man kann politisch viel erzählen und diskutieren, singt man es aber, kommt es ganz anders rüber. Die Menschen beklatschen und akzeptieren es plötzlich. Deshalb habe ich für mich weiterhin den Weg gesucht, Themen in den Liedern aufzugreifen, die die Menschen berühren. Natürlich ist das eine Minderheit, die wir damit ansprechen, eine bestimmte Zielgruppe. Aber wir wollen ja auch gar nicht “Everybody’s Darling” sein.


Foto: Katharina Kuhn

Eimsbütteler Nachrichten: Gebt ihr Konzerte oder wie verbreitet ihr eure Musik?


Peter Horn: Ja klar. Also wir spielen in ganz normalen Musikclubs oder auch bei Großveranstaltungen. Dadurch, dass wir nicht im Radio oder Fernsehen gesendet werden, weil wir denen zu links sind, können wir unsere Musik eigentlich nur durch Konzerte und durch den Verkauf unserer CDs verbreiten.
Peter Gutzeit: Genau. Und wir hatten seit Beginn fast 300 Auftritte gehabt. Außerdem spielen wir häufig auch überregional. Also das heißt z.B.: Wir haben jetzt fast eine Woche in Trier gespielt. Da war ein riesiger Arbeitskampf. Und dafür bekommen wir auch Gagen. Die ermöglichen dann auch unser Überleben quasi. Auch hier in Hamburg werden wir häufig von Gewerkschaften wie IG Metall bestellt.


Eimsbütteler Nachrichten: Wie lange gibt es euch denn eigentlich schon und wie entstand die Band?


Dieter Rentzsch: Mir fällt gerade auf, dass wir ja zehnjähriges Jubiläum haben. Denn uns gibt es seit 2005. Das kam aber alles eher so nach und nach: Peter Gutzeit und ich haben uns über eine Anzeige kennen gelernt. Ich suchte gerade nach einer Gruppe. Dann sagte er komm vorbei und ich kam vorbei mit meinem Akkordeon. Wir haben uns sofort verständigen können. Ja und so entstand dann auch der Störtebeker Song. Das war damals noch im Keller einer Kirche. Peter Horn kam dann erst später dazu.
Peter Gutzeit: Ja und zwischenzeitlich waren wir ja auch noch eine fünfköpfige Kapelle. Wirklich noch mit Schlagzeug, Bass, Gitarre, Akkordeon und Sänger. Ja und dann kam das auf uns zu, was auf viele Bands zukommt: Es ist alles nicht mehr bezahlbar und zwei der Bandkollegen stiegen aus. So haben wir das Konzept dann verändert: Wir fingen an, unsere Musik bei Liveauftritten mit Halbplayback zu begleiten. Das heißt das Schlagzeug und der Bass kommt vom Band und wir geben unser Bestes dazu.


Eimsbütteler Nachrichten: Wie würdet ihr denn die musikalische Ausrichtung eurer Songs am ehesten beschreiben?


Dieter Rentzsch: Es wurde mal davon gesprochen, es sei Country Musik. Ich finde, das trifft es nicht so hundertprozentig. Es ist eine ziemliche Mischung aus Rock und Country.


Eimsbütteler Nachrichten: Euer neuer Song Egal wo du lebst wird als “Anti-Pegida”-Song beworben. Doch direkt von Pegida ist eigentlich nicht wirklich die Rede. Wo ist der Zusammenhang?


Peter Gutzeit: Also das war eigentlich eine Reaktion auf die Ossis. Einige sind damals ja selber aus der DDR geflüchtet und plötzlich setzen sie sich gegen andere Flüchtlinge zur Wehr. Gegen Menschen, die wirklich in Not und Elend sind. Die Menschen, die heutzutage zu uns kommen, sind meines Erachtens keine Wirtschaftsflüchtlinge. Aber selbst wenn welche aus wirtschaftlichen Gründen flüchten, so würde ich das umgekehrt genauso machen. Wenn es mir dreckig gehen würde, hätte ich auch versucht, in ein anderes Land zu gehen. Irgendwohin, wo meine Kinder und ich eine Zukunft hätten. Und diese Menschen heiße ich willkommen bei uns, weil wir genug Mittel und Möglichkeiten haben, diese zu unterstützen und aufzunehmen. Aber nein, wir halten diese Leute mit Stacheldraht davon ab. Das finde ich unmöglich. Und die Pegida-Anhänger, die in Dresden und Leipzig auf die Straßen gehen, das ist eben nicht das Volk. Das Volk hat eine Willkommenskultur. Und mit diesem Song wollte ich meine Betroffenheit zum Ausdruck bringen. Ich wollte darin keinen Ort und keine Bewegung nennen, sondern einfach nur sagen: Wenn du flüchtest aus einem anderen Land, weil es dir schlecht geht, dann bist du hier willkommen. Wir kriegen dich schon satt. Und ich muss sagen, dass es sehr gut angekommen ist. Wir haben noch nie so viel Feedback zu einem Stück bekommen wie zu diesem. Aber es berührte die Menschen und genau das wollte ich damit erreichen.


Eimsbütteler Nachrichten: Ihr sagt, ihr wolltet die Menschen mit diesem Song berühren. Sonst singt ihr ja “Spott-, Hetz- und Lästersongs”. Viel gelästert wird diesmal ja nicht. Warum jetzt so sanft?


Dieter Rentzsch: Das eine schließt das andere ja nicht aus. Selbst die “sanften” Lieder kommen z.B. bei der rechten Szene als Spottlieder an. Man könnte auch sagen, wir bringen Protestsongs.
Peter Horn: Stimmt, aber das ist auch allgemein so ein bisschen der Stil unserer Songs. Die Musik kommt ganz lieb daher und dann kommt der Text. Es soll hübsch sein und trotzdem ernste Themen beinhalten.


Eimsbütteler Nachrichten: Was möchtet ihr allgemein erreichen mit eurer Musik?


Dieter Rentzsch: Also für mich ist es wichtig Musik zu machen, die Spaß macht. Wenn ich merke, das Publikum springt an und findet gut was ich da singe. Ich muss auf jeden Fall Dinge singen, hinter denen ich auch stehe. Das Kommunizieren mit der Musik, genau das ist es was Spaß macht. Wir sind uns drüber im Klaren, dass da keine Weltberühmtheit bei raus kommt, aber mit der Musik zu kommunizieren, das ist es, was wir erreichen möchten.
Peter Gutzeit: Das Wesentliche ist es, allgemeine Themen aufzugreifen. Mir ist es wichtig, Texte mit Inhalten zu füllen, die etwas aussagen. Ich möchte nicht einfach etwas covern, das schon tausende andere Künstler gebracht haben. Ich finde es auch faszinierend, wenn Künstler ihre eigenen Gedanken aufschreiben und diese umsetzen. Das ist für mich Kreativität und Kreation. Die Texte die wir machen, hängen ja auch immer mit der gesellschaftlichen Situation zusammen, in der wir uns auch selber befinden. Wir werden mit Sportsendungen, Kochshows oder Tiersendungen vollgeschüttet. Aber es wird kaum etwas gemacht, was die Interessen des einzelnen berücksichtigt. Insgesamt kommen die gesellschaftlichen Bedürfnisse nach Engagiertheit zu kurz. Und da möchten wir so einen kleinen Funken versprühen und sagen: Mensch, es macht Spaß sich zu engagieren. Auch politisch. Wir müssen nicht das Tollste und Beste machen, aber wir versuchen in eine Richtung zu gehen, die andere vielleicht noch nicht machen.


Eimsbütteler Nachrichten: Wer sind eigentlich eure musikalischen Vorbilder?


Dieter Rentzsch: Also für mich ist es ganz klar Bob Dylan. Blowing in the wind wurde ja auch als Protestlied verstanden. Alles was dann hinterher kam, da kann man sich ja drüber streiten. Aber den fand ich eine ganze Weile sehr gut.
Peter Gutzeit: Ja, meine sind ja alle in Deutschland geblieben. Die Band Ton-Steine-Scherben gehört definitiv dazu. An deren Liedern fand ich besonders gut, dass man sich die Verbindung mit Text und Musik sehr gut merken konnte. Und das versuchen wir mit unseren Songs auch so ein bisschen.
Peter Horn: Also, als Kind fand ich die Beatles ganz gut. Charlie Parker und die ganze Abteilung hab ich auch ganz gerne gehört. Aber eigentlich mache und höre ich immer das, was mir gerade Spaß macht und das ändert sich bei mir alle paar Jahre. Naja, alles was traurig ist, finde ich auch gut. Ich könnte den ganzen Tag heulen.


Eimsbütteler Nachrichten: Ihr habt ja bereits zwei CDs rausgebracht. Ist das dritte Album denn jetzt schon in Arbeit?


Peter Gutzeit: Ja, in Arbeit ist es, aber noch nicht raus. Aber wir sind guter Dinge. Ich hoffe, dass wir zu Weihnachten damit fertig sind.